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  • AutorenbildDagmar Achleitner

Die Geschichte meiner Fehlgeburt

Aktualisiert: 11. Feb. 2023

Warum ich unser Baby erst auf natürliche Weise loslassen wollte und schlussendlich doch auch medikamentöse Unterstützung in Anspruch genommen habe.



Und plötzlich schien für einen Moment die Welt stillzustehen…

„Leider hat sich das Baby nicht weiterentwickelt“, diese Worte verändern von einem Moment auf den anderen alles. Meine Frauenärztin hat uns nach der traurigen Diagnose über die drei Möglichkeiten - Ausschabung, Medikamente, Abwarten - aufgeklärt, ohne diese Alternativen zu bewerten. Ich hatte noch nicht ganz realisiert, was gerade geschehen war, aber instinktiv wusste ich, dass es nur eine Option für mich gab, dem Körper Zeit zu geben, die Schwangerschaft auf seine Weise zu beenden und bewusst loszulassen. Meine Frauenärztin meinte, sie könne mir, wenn ich wolle, gleich eine Überweisung ins Krankenhaus schreiben. Ich blickte sie nach all den Fragen, die ich scheinbar gefasst stellen konnte, sprachlos an. Noch konnte ich nicht aussprechen, was ich für mich schon wusste. Aber der Ausdruck in meinem Blick, der gerade noch die Tränen zusammenhalten konnte, genügte.


„Überlegen Sie sich alles in Ruhe und kommen Sie dann einfach wieder.“

Das war genau die Reaktion, die ich in dieser Situation gebraucht habe und die ich mir für betroffene Frauen beziehungsweise Paare wünsche. In einem Schockzustand sollte man besser keine Entscheidung treffen müssen.


Wir verließen die Praxis. Im Stiegenhaus konnten zum ersten Mal die Tränen fließen und es sollten noch viele folgen. Nachdem wir mit unseren Familien gesprochen hatten, saß ich wie am Tag davor auf meinem Sofa. Gestern hatte ich hier noch in meinem Schwangerschaftsbuch gelesen, heute war ich… ja, was eigentlich?


Ich war schwanger und irgendwie auch nicht.

Ein paar Stunden nach der Diagnose wurde mir erst so richtig bewusst, dass mein Baby noch in mir war. Ich hatte es am Ultraschallbild gesehen, alles verstanden, was nun körperlich geschehen würde, aber jetzt erst schien ich zu begreifen, was das bedeutete. Eine Woche später, als ich schon etwas ungeduldig wurde, erkannte ich erschrocken, „eigentlich trage ich den Tod in mir…“ Manchen erscheint es eigenartig, das tote Baby länger als notwendig in sich zu tragen, für mich fühlte es sich richtig an. Auch wenn es viel Geduld erfordern sollte. Viele Betroffene erzählen, sie möchten die Ausschabung rasch hinter sich bringen, damit die Heilung beginnen kann. Das ist mehr als verständlich. Für mich war es anders.


Mein Prozess der Trauer und der Heilung hat meinen körperlichen Prozess des Loslassens begleitet.

Ich hatte erwartet, dass ich traurig sein würde, aber dass es mich körperlich so beeinflussen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Diese hormonell gesteuerte Achterbahnfahrt fordert einiges von uns Frauen und von unseren Körpern.


Während des Wartens befanden wir uns mitten im Lockdown. Das Zurückkehren zur Normalität war aufgrund dieser Ausnahmesituation gar nicht möglich. Da mein Partner in dieser Zeit seinen Shop geschlossen halten musste, wurde ich die ersten zweieinhalb Wochen quasi rundum versorgt. Mein Körper war erschöpft, ich brauchte viel Ruhe. Nur zuhause zu sein, machte mir nichts aus. Ich war in meinem eigenen Lockdown.


Was mir geholfen hat?

  • Spaziergänge in der Natur

  • Abschiedsrituale mit meinem Partner

  • Weinen und einfach nur gehalten werden

  • Wombhealing, Breathwork, Massagen, Yoni-Steaming

  • Das Zulassen aller Gefühle, die auftauchten

  • Besonders wertvoll erlebte ich den Austausch mit anderen Frauen.

  • Für den Rückhalt und die Unterstützung meines Umfelds und dass ich mein Erlebnis so offen teilen konnte, bin ich wirklich dankbar.


Nach zwei Wochen begann meine Blutung. Beim ersten Blutstropfen war ich euphorisch, denn ich hatte gefühlt eine Ewigkeit darauf gewartet. War ich wirklich vorbereitet? Als der erste Gewebsklumpen im Klo schwamm, schaute ich darauf und versuchte zu erkennen, ob das eventuell die Fruchthöhle sein könnte. In einer Tiefspüler-Toilette war es schwer zu erkennen, der Versuch es herauszuholen misslang, also drückte ich die Spültaste. Habe ich gerade etwa mein Baby das Klo hinuntergespült? Diese Frage müssen sich viele Frauen unerwartet stellen. Leider wird verabsäumt, uns darauf aufmerksam zu machen, wie hilfreich es sein kann, sich vor der Blutung bewusst zu überlegen:


Was ist eigentlich genau zu erwarten? Was mache ich mit dem toten Baby?

Neun Tage vergingen, ich blutete nicht wirklich stark, aber stärker und länger als sonst. Keine Krämpfe, keine Schmerzen. Das wird schon passen, ich lasse eben ganz sanft los. Beim nächsten Kontrolltermin blickte ich nun wieder auf den Ultraschall-Monitor. Wie schnell sich die Wünsche ändern. Sehnsüchtig hatte ich beim letzten Mal erwartet, den Herzschlag unseres Babys zu hören, da beim ersten Kontrolltermin das Herz noch nicht geschlagen hatte. Nur ein paar Wochen später hoffte ich, eine „leere“ Gebärmutter zu sehen und wieder kam alles anders als erwartet. Die Fruchthöhle ist nicht abgegangen, sie ist sogar ein wenig gewachsen, was normal sein kann. Erneut gehen wir die möglichen Optionen und die nächsten Schritte durch. Mein Beta HCG-Wert wird bestimmt, er ist immer noch recht hoch. Wir entscheiden, es medikamentös mit Cytotec zu versuchen.


Ich könne mich jederzeit melden, falls etwas ist. Danke!

Nun kamen die Kämpfe, nach zwei intensiven Tagen… hat sich nicht viel getan. Nachdem ich am Vortag die Arztpraxis verlassen hatte, traf ich am Heimweg zufällig meinen Bruder, einen Kardiologen. Unser Gespräch: Dann halt eine Kürettage – Ja, aber ich versuche es erst noch mit den Medikamenten. ­– Ok, aber im Krankenhaus warten sie gerade nicht auf dich. ­– Gut, ich will ja auch nicht hin. ­– Zwei Tage später rief ich ihn etwas verzweifelt an und dank meiner Schwägerin, ebenfalls Kardiologin, wartete man am nächsten Tag schlussendlich doch im Krankenhaus auf mich.


Nach all dem noch eine Kürettage. Ok, es ist ein Routineeingriff und scheinbar nicht vermeidbar. Ich gab mich geschlagen. Aus irgendeinem Grund konnte mein Körper das Baby nicht loslassen. Beim Anamnesegespräch mit dem Oberarzt im Krankenhaus wurde ich wieder einmal überrascht. Wenn ich möchte, könne ich es noch weiter mit den Medikamenten versuchen. Die Dosis war für mich zu gering. Eine weitere medikamentöse Behandlung wäre in meinem Fall auch die Empfehlung des Arztes. Am Ultraschall konnte man erkennen, dass die Fruchthöhle bereits nach unten gewandert war. Nur der Muttermund wollte sich noch nicht öffnen.


Meine persönliche Erklärung beim erneuten Anblick des Ultraschalls war, dass die Gebärmutter noch nicht ganz verstanden hatte, dass sie das Baby nicht mehr halten musste, sie versuchte noch ihren „alten Job" zu machen. Mein Körper ist einfach viel langsamer als ich, dachte ich. Mit weiteren Medikamenten versorgt, verließ ich voller Hoffnung das Krankenhaus.


Ich konnte es doch noch auf meine Weise machen.

Nachdem im Abstand von mehreren Stunden alle Medikamente aufgebraucht waren, hatte ich nicht so ganz das Gefühl, dass es nun geklappt hatte. Ich hatte weniger Krämpfe als zuvor und nicht annähernd so starke Blutungen wie viele erzählen und worauf mich beide Ärzte vorbereitet hatten. Auf diesem Weg möchte ich mich erneut bei meiner Frauenärztin Dr. Svenja Stengl und dem OA Dr. Arik Armon Galid bedanken. Beide haben sich Zeit für meine Fragen genommen und haben mich unterstützt, meine Entscheidung selbstbestimmt zu treffen. Zu wissen, dass ich mich bei beiden jederzeit melden könnte, hat mir Sicherheit gegeben, das Ganze alleine, gemeinsam mit meinem Partner zu schaffen.


Viereinhalb lange Tage habe ich nichts anderes getan, als meinen Körper zu unterstützen, das Baby nun endlich loszulassen. Egal, was ich auch versuchte, energetisch, mental, physisch… es wollte einfach nicht geschehen...


Am fünften Tag war in der Früh erneut Gewebe ersichtlich, aber nicht anders als bei meiner natürlichen Blutung. Das schien es nicht gewesen zu sein. Vor meinem Kontrolltermin bei meiner Gynäkologin vereinbarte ich mit meinem anderen Arzt im Krankenhaus einen Termin für die Kürettage am nächsten Tag. Es war kurz vor Weihnachten, der Eingriff sollte nun rasch stattfinden. Wieder erwartete mich eine neue Wende. Alles ist abgegangen, das Bild am Monitor zeigte eine leere Gebärmutter.


Am 21.12.2020 habe ich nach einer sehr intensiven, langen Reise schlussendlich doch noch sanft losgelassen. Fast unbemerkt nach diesem gewaltigen Beben. Was geblieben ist...meine tiefe Verbindung zu unserem Sternenkind.

Würde ich mich im Nachhinein wieder für diesen Weg entscheiden? Ja! Kann ich dir dazu raten? Nur du kannst für dich deine Entscheidung treffen! Ich kann nur meine Erfahrung mit dir teilen. Höre in dich hinein und gehe deinen eigenen Weg…


Alles Liebe

Dagmar














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